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Bodenarbeit mit dem Pferd Teil II

Der zweite Teil mit Basisübungen zur Bodenarbeit

Bodenarbeit Teil II

 

Im ersten Teil habe ich im Allgemeinen von der Bodenarbeit geschrieben, mit unter anderem möglichen Stressanzeichen, der Ausrüstung und einem Teil der ersten Basisübungen.

Nach einer Aufwärmphase von mindestens 15 Minuten im Schritt kann mit einer leichten Trainingseinheit begonnen werden. Diese sollte je nach Trainingszustand des Pferdes und Aufgabenstellung jedoch nicht, wie im ersten Teil schon erwähnt, 15 Minuten reine Arbeit überschreiten. Ich empfehle immer wieder Schrittphasen am lockeren Seil einzubauen oder zwischendurch das Pferd frei entscheiden zu lassen, was es tun möchte. Diese Phasen sind sehr wichtig für das Vorbeugen von möglicher Überforderung oder Stress. Auch körperlich herausfordernde Übungen wie z.B. Seitwärtsgänge sollten individuell an jedes Pferd angepasst werden und nicht komplett am Stück ohne Pause durchgeführt werden.

Basisübungen Teil II:

  • Rückwärtsrichten
  • Ruhiges Stehen
  • Mittelschritt – versammelter Schritt

Das Rückwärtsrichten

Für mich ist das Rückwärtsrichten keine Gehorsamkeitsaufgabe, sondern hat eine gymnastizierende Wirkung. Es stärkt die Bauchmuskulatur, beugt Hüft-, Knie- & Sprunggelenk und aktiviert die Hinterhand. Durch das Rückwärtsrichten wird ein Aufrichten der Vorderhand erreicht, was wiederum heisst, dass die Gewichtsverlagerung auf die Hinterhand verlegt und somit die Tragkraft aktiviert wird.

Das Rückwärtsrichten sollte ruhig und langsam erfolgen. Als Voraussetzung für das Rückwärtsrichten sollten die Schritt – Steh – Übungen einwandfrei funktionieren.

Die Übung beginne ich, indem ich mich seitlich auf Höhe Schulterblatt/Vordergliedmasse des Pferdes stelle. Ich richte mich gross auf und lehne mich leicht nach hinten und beginne nach hinten zu laufen. Für die ersten Male ist eventuell ein kurzes antippen an der Brust bzw. auf Höhe des Schultergelenks nötig. Den Druck über meinen Finger nehme ich sofort weg, wenn das Pferd sich nach hinten bewegt. Mit einem Stimmkommando „zurück“ bringe ich dem Pferd bei, auf dieses Kommando rückwärtszugehen um dies später auch in der Freiarbeit auf Distanz abrufen zu können. Das Rückwärtsgehen des Pferdes sollte kontrolliert und langsam erfolgen. Am Anfang kannst du diese Übung auch mit einer seitlichen Begrenzung auf dem ersten Hufschlag durchführen, damit dein Pferd schön gerade läuft. Bei dieser Übung sollte auch gut auf das Ausdrucksverhalten des Pferdes geachtet werden. Ist es dem Pferd möglich diese Übung ohne Probleme auszuführen? Wenn nicht  könnten Blockaden, Verspannungen oder die fehlende Balance Ursachen für Probleme bei dieser Übung sein und eine Fachperson ist hier zu Rate zu ziehen.

Ruhiges Stehen

Nach mehreren Schritten „zurück“ darf dein Pferd sich im ruhigen Stehen beweisen. Der Kopf des Pferdes sollte geradegerichtet sein und eine ruhige Position vom Pferd eingenommen werden. Das Stehen kann auf mindestens 5-10 Sekunden für das erste Mal ausgeführt werden. Du bleibst in dieser Zeit ruhig, seitlich stehend bei deinem Pferd und hast den Blick nach vorne oder unten gerichtet. Wenn du das Pferd direkt anschaust, kann es sein, dass es sich aufgefordert fühlt, eine neue Aufgabe zu zeigen. Die positive Verstärkung darf auch hier, wie nach jeder Übung nicht fehlen. Loben, Leckerli, eine Streicheleinheit oder ein Stimmlob kann hier eingesetzt werden.

Tempoübergänge

Auch im Schritt können Tempoübergänge sehr gut umgesetzt werden. Durch Tempoübergänge kannst du auch hier die Hinterhand und Bauchmuskulatur aktivieren. Hierzu passe ich mich zunächst dem Schritt des Pferdes an und variiere dann zwischen Mittelschritt und versammelten Schritt. Bei den Übergängen arbeite ich wieder nur mit meiner Körpersprache und möchte keinen Zug auf das Seil bekommen müssen, da dies sonst das Pferd beim Laufen irritieren und der gewöhnliche Bewegungsablauf gestört werden kann. Der versammelte Schritt bedeutet nicht einfach langsamer zu gehen und kleinere Schritte zu machen, vielmehr geht es darum wieder vermehrt Gewicht auf die Hinterhand zu nehmen.

 

Als Pferdeverhaltenstherapeutin ist es mir sehr wichtig, dass wir die Arbeit individuell gestalten und uns auf das Pferd konzentrieren. Das Ausdrucksverhalten des Pferdes, Gesundheitszustand als auch Ausbildungsstand, Exterieur und Charakter geben uns im gesamten einen Aufschluss über die möglichen Ziele.

Der Mensch ist oftmals ungeduldig und setzt auch gelegentlich seine eigenen Ziele über die möglichen Fähigkeiten der Pferde und dies sollte, gerade bei der Bodenarbeit nicht die Orientierung sein. Stellen wir uns auf unsere Pferde ein, versuchen sie zu verstehen und nachzuvollziehen was es bedeutet aus der Sicht des Pferdes zu reagieren. Unsere Pferde als treue Begleiter, Partner, Freunde zu sehen. Wenn du in den Stall gehst, gehe bewusst mit dem Pferd um, überlege genau wie weich deine Hand ist, wenn du ein Gebiss in einem sensiblen Pferdemaul hast, wie es sich anfühlen muss wenn du einen Sporen in die Rippen gehakt bekommst, die Peitsche fitzend auf deinen Oberschenkel schlägt oder das Halfter im Genick bei jedem starken zupfen noch mehr weh tut.

Das Pferd hat immer einen für sich sinnvollen Grund, gewisse Verhaltensmuster zu zeigen und dies sollten wir als Pferdebesitzer bewusst wahrnehmen. Es gibt keine bösartigen Pferde (oder Tiere im Allgemeinen) nur die durch Menschenhand geformten Reaktionen.

Liebe Grüsse Natalie

 

Den ersten Teil über die Bodenarbeit findest du hier:

http://tiertherapie.vet/2019/01/07/bodenarbeit-mit-dem-pferd/